Mein Regionalliga West

07.01.2013

Ein Leben für den Verein

Von Nostalgikern bis hin zu Ultras, von Rentnern bis hin zu Schülern: Die Fan-Szene der Regionalliga West

Als Fußball-Fan sollte man nicht zimperlich sein. Das dachte sich wohl auch der Fortuna-Fan, der sein Team, bei fünf Grad Celsius Außentemperatur nur mit kurzer Hose und roter Mütze bekleidet, beim Heimspiel Mitte November gegen Wiedenbrück nach vorne peitschte. Gleich doppelt wurde sein Einsatz belohnt: Die Fortuna gewann mit 2:0 und die extra für das Duell mit Viktoria Köln angefertigte „Derby-Mütze“ war in aller Munde.

Obwohl Fan-Legende Klaus Grosmann in seinen 63 Jahren als Anhänger von Viktoria Köln so einiges mitgemacht und miterlebt hat, wäre diese Freizügigkeit nicht nach seinem Geschmack: „Da würde ich höchstens die Zuschauer vergraulen. Irgendwo hört der Spaß auf.“Grosmann ist auf der Tribüne Traditionalist: „Diese ganzen neumodischen Geschichten sind nicht mein Ding. Der Ausdruck „Hooligan“ alleine, das ist doch kein deutsches Wort. Da habe ich überhaupt keinen Draht zu. Ich brauche kein Forum, um meine Muskeln spielen zu lassen. Ich möchte ein Fußballspiel sehen. Wenn wir verlieren, dann haben wir eben Pech gehabt. Wenn wir gewinnen, dann freue ich mich“, erklärt er. Diese Begeisterung am reinen Fußballspiel ohne viel Drumherum bekam der „Fahnenklaus“ von seinem Vater in die Wiege gelegt. So nahm Vater Grosmann seinen fünfjährigen Sohn Klaus 1949 das erste Mal mit in den Sportpark Höhenberg. Seit dem sieht man den heute 68-Jährigen in Kutte und mit Hut, 28 Fanschals und einer Trommel bei jedem Spiel „seiner“ Viktoria.

Der Viktoria-Fan-Bus rammte einen Straßenpoller, die „Vollpfosten“ waren geboren

So lange Klaus Grosmann schon dabei ist, so neu ist der Viktoria Fan-Klub „Die Vollpfosten“. Der erste Fanclub des FC Viktoria Köln 1904 e.V. wurde am 13. November 2011 auf der Rückfahrt vom Auswärtsspiel gegen die SSVg. Velbert gegründet. Der Busfahrer hatte Probleme eine Kurve zu meistern und rammte einen Straßenpoller. So kamen „Die Vollpfosten“ zu ihrem Namen. Die Intention, den Fan-Klub zu gründen, ist recht einfach erklärt: „Es gab noch keinen offiziellen Fan-Klub von Viktoria Köln, daher dachten wir, es wird mal Zeit“, so Michael Reske, Präsident der Vollpfosten und Inhaber des Vereinslokals „FC Schänken“. Jeden ersten Samstag im Monat treffen sich die 24 Mitglieder des Fan-Klubs, um Auswärtsfahrten zu planen und Siege zu feiern. Und bei einer Niederlage? „Wir trauern nicht, das gehört für uns dazu“, weiß Reskes Ehefrau Michaela.

Bei jedem Spiel hissen die „Vollpfosten“ ihre Banner und Fahnen, um optisch ihre Verbundenheit mit der Viktoria zu demonstrieren. Gemeinsam mit dem anderen Fan-Klub des Vereins, den „Juniors Höhenberg“ erarbeitet der Fan-Klub Choreographien.

„Fortuna Eagles Supporters“ – der erste Ultra-Fanclub Deutschlands

Eine andere Fan-Szene gibt es beim Erzrivalen Fortuna Köln. Die „Fortuna Eagles Supporters“ waren mit ihrer Gründung 1986 der erste Ultra-Fanclub Deutschlands. Zwei der drei Gründungsmitglieder hatten italienische Wurzeln und fanden in den legendären „Lazio-Eagles“, dem Ultra-Fan-Klub von Lazio Rom, ein Vorbild für ihre Namensgebung. Zusammen mit einem weiteren Fan-Club namens „Mülltonn“, dessen Vertreter zu jedem Heimspiel mit einer Mülltonne anreisen, sind sie verantwortlich für die gute Stimmung im Stadion. Choreographien werden gemeinsam geplant.

Ingolf Stollens, Fanbeauftragter der Fortuna, beschreibt die „Mülltonn“, als einen „gesangsfreudigen“ Fan-Klub. „In der Kurve stellen die „Mülltonn“ ihre Musikanlange auf und beschallen damit das Stadion. Das macht Stimmung und kommt gut an.“ Der Fan-Klub die „Schäng-Gäng“ wurde in Anlehnung an den verstorbenen Fortuna-Mäzen Hans „Schäng“ Löring ins Leben gerufen und hat sich die Unterstützung des Vereins als oberstes Gebot auf die Fahnen geschrieben. Zudem gibt es noch den Fan-Klub „Tarantula“, der die Jugendmannschaften des Südstadt-Klubs mit Trikotsponsoring unterstützt. Dazu kommt noch „Der lange Ball“, ein Zusammenschluss ehemaliger Jugendspieler der Fortuna.

Sechs Fan-Klubs sind eine Menge für einen Verein aus der vierten Liga. Dennoch, so betont Stollens, herrsche eine familiäre Atmosphäre bei den Spielen des Kölner Traditionsvereins. „Das besondere an unserer Fortuna ist diese doch große Familie, hier wird jeder herzlich aufgenommen. Bei uns fühlt sich von Anfang an jeder wohl. Das ist auch der Grund, warum viele Kölner, die Fans von anderen Vereinen sind, das Südstadion besuchen.“

Marler Chemiekeulen: Manchmal nur zu zweit mit dem VfB Hüls auf Auswärtsfahrt

Beim Aufsteiger VfB Hüls ist man der „Ultra-Bewegung“ eher abgeneigt. Zwar gab es laut Pressesprecher und Fanbeauftragten Stefan Berger 15- bis 17-jährige „Möchtegern-Ultras“, die mit Megafonen und lauten Gesängen zu den Spielen antraten. Doch: „So plötzlich sie auf einmal da waren, so schnell waren sie auch wieder weg.“ Hinter den „Marler Chemiekeulen“, dem offiziellen Fan-Klub des Vereins steckt eine andere Idee: Marcel Malyga und Kai Böttcher waren jahrelang Einzelfahrer. „Ich wusste, dass die beiden häufig alleine zu Auswärtsspielen fuhren und habe sie irgendwann zusammengeführt“, blickt Berger auf die Gründung im Spätsommer 2011 zurück.

Die Chemiekeulen sind nicht darauf aus, möglichst viele Mitglieder in ihren Reihen zu haben, sondern eine Anlaufstelle für VfB-Fans zu bilden. „Wir sind ein richtiger Old-School-Fan-Klub. Wir wollen Mitfahrgelegenheiten anbieten und gemeinsam Fußball schauen“, erklärt Malyga.Etwa 450 Zuschauer im Schnitt kommen für ein Regionalligaspiel an den Badeweiher. Doch gerade diese familiäre Atmosphäre zeichnet die Hülser und auch den Fan-Klub aus. „Auch wenn nur zwei Leute zu einem Auswärtsspiel mitfahren, lassen sich die Chemiekeulen durch nichts unterkriegen und machen weiter, wo andere schon längst aufgegeben hätten. Die Zaunfahne muss hängen, damit sich die Mannschaft nicht alleine fühlt.“

Ganz andere Ausmaße ist man an der Hafenstraße bei Rot-Weiss-Essen gewohnt. Mehr als 65.000 Zuschauer strömten an den ersten acht Spieltagen der Regionalliga in das neue Stadion des Traditionsvereins – mit Abstand Ligaspitze. Die zweithöchsteBesucherzahl verzeichnet der Lokalrivale Rot-Weiß-Oberhausen mit rund 28.000 Fußballinteressierten. Im Schnitt pendeln 5.000 Zuschauer weniger ins Stadion Niederrhein. Entsprechend groß ist auch die Fan-Szene bei den Rot-Weissen: 4.500 Dauerkarten wurden bis zur Winterpause verkauft. Der Fanbeauftragte Lothar Dohr ist seit 1999 erster Vorsitzender des „ersten, ältesten und einzigen offiziellen“ RWE-Fan-Klubs: Dem 1. Rot-Weiss-Fanclub Essen e.V. Insgesamt, schätzt Dohr, tummeln sich bei den Essenern gut 70 „lose“ Fan-Gruppierungen. Ultras seien auch darunter, die knapp 100 Mitglieder seines Fan-Klubs allerdings verfolgen eine andere Philosophie: „Wer unsere Geschichte kennt, der weiß, dass unser Verein viel mitgemacht hat. Daher ist unser Ziel, RWE in allen Lagen zu unterstützen.“

Bergisch Gladbach: Schulklasse als eigener Fan-Klub

Eine ähnliche Grundidee steckt auch hinter der Fan-Kultur beim SC Bergisch Gladbach 09. Allerdings ist die Bergisch Gladbacher Fan-Szene wohl in der Regionalliga einzigartig. Die im März 2005 gegründeten „RedDevils“ haben sich den Leitspruch: „Wir sind weder Hooligans noch Ultras“ zu Eigen gemacht. Mittlerweile besteht der harte Kern der „Roten“ allerdings nur noch aus fünf Leuten. Das schien einer 12. Klasse aus einer Schule der Stadt wohl nicht zu genügen: Die „Supporters GL 51“, bestehend aus immerhin zehn bis zwölf Schülern, waren das erste Mal beim Pokalspiel im vergangenen Jahr gegen Borussia Lindenthal-Hohenlind dabei. Mittlerweile bringen die Supporters ihre eigenen Banner und Zaunfahnen zu den Heimspielen mit. Tim Maywood, Stadionsprecher der Bergischen, beschreibt die Fan-Kultur bei seinem Verein als „Multikulti“. Denn viele der 09er sind auch Fan eines Bundesliga-Klubs. So vergessen Anhänger von Bayer Leverkusen und dem 1.FC Köln in der Belkaw-Arena kurzzeitig ihre Rivalitäten und feuern gemeinsam die Gladbacher an.

Text: Linda Kleine-Nathland

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