Mein Regionalliga West

21.11.2012

Sieben Sekunden bis zum Happy-End

Die Fortuna stand 1986 schon mit eineinhalb Beinen in der 1. Bundesliga

Der Mai des Jahres 1986 stürzte die Fortuna-Fans in ein Wellenbad der Gefühle. Wer behaupten würde, die rasante Achterbahn der Emotionen wäre mit erst Himmel hoch jauchzend und am Ende zu Tode betrübt auch nur annähernd beschrieben, der irrt. Die Ereignisse von damals sind noch heute unvergessen und schmerzen bei der bloßen Erwähnung.

Als Jürgen Wegmann im zweiten Relegationsspiel zur 1. Bundesliga sieben Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit zum 3:1 für Borussia Dortmund traf, brach für die Fortuna-Anhänger eine Welt zusammen. Alles strahlte in rosarot nach dem 2:0-Erfolg der Südstädter im ersten Spiel im Müngersdorfer Stadion vor sage und schreibe 47.000 Zuschauern. Und dann das! Spiel drei und das daraus resultierende 0:8 in Düsseldorf gegen den BVB wurde zur sportlichen Farce.

Als 15-Jähriger erlebte Andreas Pala alle drei Partien hautnah mit. Sein Vater Jilber war in den 80er Jahren so etwas wie die „gute Seele“ der Mannschaft, er fuhr überall mit im Bus und sein Filius ebenso. Im Buch „Lück wie ich un du“ zeigt ihn ein Foto unmittelbar an der Fortuna-Bank hinter dem legendären Jean Löring und Geschäftsführer Rudolf Fähnrich. Mittendrin statt nur dabei. „Das erste Spiel war sensationell. Vor so einer Kulisse zu spielen, das kannte man ja nicht bei der Fortuna. Es waren vielleicht 5.000 Zuschauer damals aus Dortmund dabei. Der Rest drückte uns die Daumen“, erinnert sich „Eagles Andreas“.

Nach Toren von Grabosch und Richter im Hinspiel war die Bundesliga zum Greifen nah

Bernd Grabosch und Karl Richter trafen am 13. Mai jeweils gegen Nationalkeeper Eike Immel. Die Fortuna war in aller Munde, in ganz Fußball-Deutschland. Der Traum vom zweiten Jahr im Oberhaus nach 1972/73 schien Gestalt anzunehmen. „Wir sind mit breiter Brust nach Dortmund gefahren. Dann wurde es eine absolute Zitterpartie. Mein Herz raste vor Aufregung. Am Ende waren alle völlig desillusioniert, total geknickt. In der Kabine waren alle sehr ruhig, keiner hat mehr einen Ton gesagt“, beschreibt „Eagles Andreas“ seine Erlebnisse in der Rückblende.

Es war ein Pfingstmontag im Westfalenstadion, Fortuna ging nach 14 Minuten durch den bärenstarken Bernd Grabosch in Führung, Drei Tore lagen die Kölner jetzt vorne und es waren „nur“ noch 76 Minuten zu spielen. Sieben Minuten nach der Pause bekam der BVB einen umstrittenen Foulelfmeter zugesprochen. Michael Zorc verwandelte. Marcel Raducanu erhöhte auf 2:1 (66.). Doch Jacek Jarecki hielt die Fortuna mit Armen wie ein Krake im Spiel. Der Sprecher bei SAT.1 feierte schon das neue Mitglied der ersten Bundesliga, dann versprühte die „Kobra“ Wegmann doch noch ihr Tor-Gift.

Vor dem Entscheidungsspiel wurden 13 Kölner krankgeschrieben

Fünf Tage später sollte eine am Boden liegende Fortuna zu Spiel drei antreten. Doch der Kader bestand vornehmlich nur noch aus arg lädierten und ramponierten Spielern. Amtsarzt Dr. Leidl schrieb 13 Kölner Kicker für jeweils mindestens 14 Tage krank. Zudem waren Karl Richter und Günter Hutwelker nach Spiel zwei gesperrt. Was folgte, waren turbulente Tage mit wilden Protesten von beiden Seiten. Und ein Rücktritt des verbitterten, schwer enttäuschten Fortuna-Patrons „Schäng“ Löring, den er zum Glück später revidierte.

„Wir waren nach dem zweiten Spiel alle fertig mit der Welt. Das war psychologisch gesehen der Knockout. Das kriegst Du so schnell nicht mehr aufgearbeitet. Wir hatten damals eine sehr junge Mannschaft. Plötzlich merkst du die Zipperlein überall“, erzählt Ralf Schlösser, der 1985/86 insgesamt 13 Saisonspiele für die Fortuna bestritt.

Fortuna musste mit einer nicht konkurrenzfähigen Mannschaft antreten

Zunächst wurde das Entscheidungsspiel auf unbestimmte Zeit verschoben. Doch Dortmund setzte den DFB unter Druck. Eike Immel wollte mit der Nationalmannschaft als dritter Torwart unbedingt nach Mexiko fliegen. Trotz einer nicht konkurrenzfähigen Mannschaft musste die Fortuna auf Geheiß des DFB am 30. Mai zum dritten Entscheidungsspiel antreten. Ausgang ganz und gar nicht offen. „Das ist eine Farce“, sagte Rudolf Fähnrich erbost. Und Jean Löring fand es „unfassbar“.

Beim vorletzten 2. Liga-Spiel in Freiburg war Ralf Schlösser im Rasen hängen geblieben und erlitt eine Innenbanddehnung. Dennoch musste der technisch versierte Mittelfeldspieler im dritten Relegationsspiel von Beginn an ran. „Ich war einer der wenigen Verletzten, der noch halbwegs laufen konnte. Aber mehr als körperlich anwesend war ich nicht. Ich war Ganzkörper-betäubt mit einer Pferdespritze.“

In Düsseldorf ging Fortuna mit 0:8 unter

Es kam wie es kommen musste. Ein zusammengewürfelter, kranker und verletzter Haufen Fortunen, von denen manche sogar nur für ein paar Stunden vor dem Anpfiff gesundgeschrieben worden waren, ging mit 0:8 gegen eine hochmotivierte, gesunde Bundesliga-Elf unter. „Dass wir da keine Chance haben würden, war uns allen schon vorher klar. Aber die Fortuna wurde ja gezwungen aufzulaufen“, blickt „Eagles Andreas“ zurück. „Dass das nichts mehr geben konnte, wussten wir alle vorher schon. In der Kabine ging es vor dem Anpfiff nicht um Taktik sondern nur um Spritzen, Verbände und Tabletten. Hätten wir uns so intensiv warm gemacht vor dem Spiel wie das heutzutage üblich ist, hätten wir gar nicht mehr spielen können. Wir wollten, aber wir konnten nicht“, versichert Ralf Schlösser.

Und eines wurmt „Eagles Andreas“ auch heute noch: „Hätte damals schon die jetzige Regel gegriffen, wären wir aufgrund des auswärts erzielten Tores trotzdem aufgestiegen.“

Relegation 1. Bundesliga

1. Spieltag - 13. Mai 1986

1. Spieltag - 13. Mai 1986

Fortuna: Jacek Jarecki; Ralf Aussem, Günter Hutwelker (28. Dieter Lemke), Jörg Neun, Karl Richter; Hans-Jürgen Gede, Bernd Grabosch, Achim Kropp, Jürgen Niggemann, Christos Orkas, Herrmann-Josef Werres.

Dortmund: Eike Immel; Günter Kutowski, Ralf Loose, Bernd Storck; Ulrich Bittcher, Frank Pagelsdorf, Marcel Raducanu, Wolfgang Schüler, Michael Zorc; Jürgen Wegmann (71. Daniel Simmes).

Tore: 1:0 Bernd Grabosch (53.), 2:0 Karl Richter (75.).

2. Spieltag - 17. Mai 1986

2. Spieltag - 17. Mai 1986

Dortmund: Eike Immel; Lothar Huber (46. Ingo Anderbrügge), Dirk Hupe, Günter Kutowski, Bernd Storck; Frank Pagelsdorf, Marcel Raducanu, Wolfgang Schüler, Michael Zorc; Daniel Simmes, Jürgen Wegmann.

Fortuna: Jacek Jarecki; Ralf Aussem (43. Herrmann-Josef Werres), Günter Hutwelker, Jörg Neun, Karl Richter; Hans-Jürgen Gede, Bernd Grabosch, Achim Kropp, Jürgen Niggemann, Christos Orkas (69. Karl-Heinz Wirtz); Dieter Lemke.

Tore: 0:1 Bernd Grabosch (14.), 1:1 Michael Zorz (52., Foulelfmeter), 2:1 Marcel Raducanu (66.), 3:1 Jürgen Wegmann (90.).

3. Spieltag - 30. Mai 1986

3. Spieltag - 30. Mai 1986

Dortmund: Eike Immel; Dirk Hupe, Günter Kutowski, Bernd Storck; Ingo Anderbrügge (80. Wolfgang Schüler), Ulrich Bittcher (72. Ralf Loose), Frank Pagelsdorf, Marcel Raducanu, Michael Zorc; Daniel Simmes, Jürgen Wegmann. Trainer: Reinhard Saftig.

Fortuna: Jacek Jarecki; Jörg Neun; Hans-Jürgen Gede, Bernd Grabosch, Achim Kropp, Jürgen Niggemann, Christos Orkas, Ralf Schlösser (51. Karl-Heinz Wirtz), Herrmann-Josef Werres; Uwe Helmes (73. Thomas Gaßmann), Dieter Lemke. Trainer: Hannes Linßen.

Tore: 1:0 Dirk Hupe (31.), 2:0 Michael Zorc (46.), 3:0 Ingo Anderbrügge (49.), 4:0 Bernd Storck (61.), 5:0 Daniel Simmes (66.), 6:0 Jürgen Wegmann (84., Foulelfmeter), 7:0 Michael Zorc (89.), 8:0 Frank Pagelsdorf (90.).

Text: Stefan Kleefisch

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